„Identikid“, „Vatermilch“ und „Phoolan Devi“: Graphic Novels über Panikattacken, Vaterlosigkeit und Frauenunterdrückung

Thematisch anspruchsvolle Kost bieten gleich drei neue Graphic Novels, die jede auf ihre Art einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht haben:

IDENTIKID von Moa Romanova

Dieser Comic liest sich wie kaltes Wasser ins Gesicht. Intim und verletzlich und dabei doch klinisch und kühl vermittelt IDENTIKID ein überzeugendes und authentisches Bild von den Panikattacken, unter denen die Protagonistin leidet. Psychsiche Erkankungen wurden meiner Lektüre nach noch nie so lebensecht in Comicform gegossen wie von der jungen schwedischen Comiczeichnerin Moa Romanova.

Auch in ihrer Erzählweise und Stilistik beschreitet die Autorin hier Comic-Neuland: Simply next level shit. So groß, neu und überzeugend hat sich Comiclektüre für mich angefühlt als ich beispielsweise zum ersten Mal Dan Clowes, Chris Ware oder die Hernandez-Brüder gelesen habe. IDENTIKID scheint zur Gänze am Computer erschaffen worden sein, was aber der organischen Verflochtenheit ihrer Panels und Seiten keinen Abbruch tut. Atmosphärisch weht ein rauer Wind durch diese Seiten, voller Großstadteinsamkeit, Verzweiflung und Elektroparties. Wechselweise unterkühlt, auf seltsame Weise elektrisierend und mitunter auch psychedelisch erzählt Romanova eine Geschichte um eine junge Frau in einer sich zuspitzenden psychischen Verfassung und – scheinbare Auswege. Bislang für mich Comic des Jahres.

IDENTIKID von Moa Romanova, avant-verlag
18×24 cm, 184 seiten, In Farbe, Softcover
ISBN: 9783964450357
€ 25,70

 

VATERMILCH von Uli Oesterle

Der bayrische Comickünstler Uli Oesterle liefert mit VATERMILCH sein bislang reifstes Werk ab, und der Umstand dass diese reichhaltige Graphic Novel den ersten Teil einer größeren Erzählung bildet, lässt mich freudig in die Zukunft blicken. In VATERMILCH verarbeitet der Autor seine eigene Vaterlosigkeit, genauer das plötzliche Verschwinden des Vaters, wie er im Anhang des Buches ausführt. Dieser psychisch prägende Umstand befeuert Oesterle in seiner Erzählweise, die aber nie sentimental sondern überraschend unterhaltsam und packend ausgefallen ist. So mixt Oesterle Thriller- und Krimi-Elemente in seinen Plot und verzichtet dabei auch nicht ganz auf humorvolle Momente. Aber VATERMILCH bietet eben auch thematisch schwere, profunde Kost: Die bereits angesprochene Vaterlosigkeit eines Kindes und auch der soziale Abstieg eines Mannes, der nicht mehr zu seiner Familie zurückgeht, werden überzeugend, berührend, direkt und bemerkenswert lebensecht geschildert.

Ästhetisch ist dieser Comic innovativ, dicht und komplex geraten, wenn man ihn mit analytischem Auge betrachet. Insbesondere die Schmuckfarbgebung ist nicht nur sehr gekonnt sondern auch narrativ bedeutsam. Auf grafischer Ebene ist Oesterle schier virtuos, und dennoch liest sich dieser Comic beinahe von alleine, so perfekt hat Oesterle seine Seiten komponiert.  Abschließend sei bemerkt, dass VATERMILCH eine ausnehmend schön gestaltete Graphic Novel ist.

VATERMILCH Band 1 von Uli Oesterle, Carlsen Verlag GmbH
20 x 27 cm, Gebunden mit Halbleinen, 128 Seiten, In Farbe
ISBN: 9873551711588
€ 20,60

 

 

PHOOLAN DEVI von Claire Fauvel

„Phoolan Devi“ aus dem wohl wesentlichsten Wiener Comicverlag Bahoe Books habe ich in einem Sog durchgelesen: Sinnvoll verbrachte Zeit. Das Blickfang-Cover und rundum sehr schön aufgemachte Buch und feine Papier erfreuen den Bibliophilen in mir, die fluide organische Bildsprache von Claire Fauvel bietet ein nahtloses Leseerlebnis und inhaltlich lässt einen diese Biografie der nordindischen „Banditenkönigin“ Phoolan Devi ohnehin nicht los. Ein gewichtiger Comic, der die systematische Frauenunterdrückung in Indien, insbesondere die Vergewaltigungen und das perverse Kastensystem anprangert und all diese schwierigen Themen in bewundernswerter Art und Weise in Szene setzt. Mehr solche Comics!
PHOOLAN DEVI von Claire Fauvel, bahoe books
Gebunden, In Farbe, Seitenanzahl: 226, 22 x 30 cm
ISBN: 9783903290228
€ 24,00
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