Interview mit Edda Strobl von Tonto Comics (2005)

Veröffentlicht werden vorrangig heimische Zeichner, die
grafisch etwas zu bieten haben. Was TONTO von einem Meer an
Kleinverlagen abhebt, ist erstens ihr Aktivismus: TONTO organisierten das Grazer Comic Festival, welches spannende Workshops, quirlige Comic-Jams und internationale Gäste wie Stripburger und Aleksandar Zograf aufweisen kann.

Der zweite Punkt, über den sich TONTO differenziert, ist ein
hervorragender Sinn für Design: die publizierten Comics haben ein
individuelles Format, welches die persönlichen Visionen der Erzählenden
unterstreicht. Der Bogen der entstanden Formate reicht über
Mini-Comics, eine eigene Heftserie (mit variierenden Papierstärke,
Schwarzweiß- sowie Farbbeiträgen, und 2 unterschiedlichen Heftgrößen)
bis zu zwei Anthologie-Bänden in Softcover (und was für ein Cover!).

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Bislang lag der Fokus auf der Veröffentlichung vor allem grafisch
experimenteller Comics, wobei sich in letzter Zeit auch wieder ein
Zugang zur traditionellen, abbildenden Erzählweise herausgebildet hat.
TONTO wollen sich nicht vorschnell einordnen lassen. Der Verlag
wird von einer Handvoll Enthusiasten – allen voran Edda Strobl und
Helmut Kaplan – betrieben, die alle auch selber zeichnen. Bislang ist
TONTO die größte und renommierteste Plattform, die österreichischen
Comic-Zeichnern eine Veröffentlichung bieten kann.

Die letzte größere Veröffentlichung ist Tonto Comics Nr 09: „JACK, MOM UND DIE ANDEREN“ (sämtliche Tonto Comics sind über PICTOPIA erhältlich).

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Wenn du an „Comics“ denkst, woran denkst du? Was ist deine spontane Assoziation?

Zu Hause.

Warum magst du Comics?

Ich bin mit Comics aufgewachsen. Ende der 60erJahre habe ich von
meinem Vater mein allererstes Mickymausheft bekommen, das mich dermaßen
beeindruckt hat, dass ich heute noch weiß, welche Charaktere darin
vorgekommen sind. Besonders in Erinnerung ist mir das schwarze Phantom
mit den blauen Glanzlichtern auf seinem Kostüm. Das war sozusagen die
Initialzündung.

Seitdem waren Comics einfach immer da, manchmal mehr, manchmal
weniger. Da ich selber bildende Künstlerin bin und immer narrativ
gearbeitet habe war es nur eine Frage der Zeit bis ich auch hier bei
Comics lande. Plus, Comic ist einfach die selbstverständlichste
künstlerische Praxis mit Text und Bild umzugehen.

Kommen wir zu TONTO: Wie viele
Publikationen habt ihr schon herausgebracht (mal abgesehen von den
Festival-Plakaten, die als Graphic Design-Kunstwerke für sich stehen)?

5 TONTO-Comics, 1 Parabolica (Parabolica ist eine lange Geschichte;
Teil 1 wurde als TONTO-Comic #6 herausgegeben), 44 MiniComics, 1 Comicfestivalbuch.

Was heckt denn TONTO zur Zeit aus? Arbeitet ihr gerade an neuen Publikationen?

Heuer sind 2 Parabolica und 1 TONTO-Comic geplant, plus das Comicfestivalbuch 2004.

Wie beurteilst du die Comic-Szene in Österreich? Wo passiert gerade was? Gibt’s nur Graz und Wien?

Von Ende 2000 (als wir die Comic-Schiene auf TONTO zu betreiben
angefangen haben und ich mich mehr in Österreich umgeschaut habe) bis
heute scheint sich ganz viel getan zu haben. Wahrscheinlich hat es „die
Szene“ ja immer schon gegeben, in Wien etwa und ich habe es nicht
mitgekriegt, weil mich die Österreicher lange gar nicht interessiert
haben. Mittlerweile weiss ich, dass sich in Linz was tut, und in
Salzburg kenne ich zumindest Comiczeichnerinnen, der Westen Österreichs
ist mir noch fremd, obwohl ich überzeugt bin, dass es gerade da einiges
geben muss…

Welche TONTO -Titel würdest du besonders empfehlen?

Zum Einsteigen sind die Parabolica-Hefte sicher geeigneter.

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Die
„klassischen“ TONTO -Comics sind ja eher experimentell im Erzählen,
aber da findet man grossartige Zeichner… wie Clemens Stecher, Norbert Gmeindl, Helmut Kaplan oder Michael Jordan, etwa.

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(Abbildung: PETIT BONK von Helmut Kaplan, 2008, Heft 09 der Automatenobjekte in der Kabinett-Comic-Passage)

Als geneigter Leser, wie kommt man zu TONTO-Comics?

Bestellen bei
comics@tonto.at
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können

, einige Bezugsquellen sind auch auf der TONTO-Webseite angegeben. (Anmerkung der Redaktion: sämtliche Tonto-Publikationen sind nun über PICTOPIA erhältlich.)

Glaubst du, wäre es prinzipiell eine
gute Werbe-Idee, die Werke einzelner Zeichner im Web zu
veröffentlichen: also eine Serialisierung über das Internet (pro Woche
eine Seite bzw. ein Panel, mit Archiv)?

Web-Comics sind prinzipiell ok. Als Werbe-Idee: Schwierig, da das
Internet als Werbe-Maschine – der ganze Spam usw. – einen grundsätzlich
ziemlich nerven können. Intelligente Werbung ist allerdings überall
echt eine ziemliche Herausforderung.

Internetbezogen bin ich Purist, im übrigen. Ich mag Seiten, die
schnell laden, in denen der Fokus auf dem Wesentlichen liegt, die wenig
Design haben… usw. Am liebsten schnöde einfache HTML-Seiten… und
wenn notwendig Datenbanken, Suchmaschinen.

Serialisierung [von Comics im Internet finde ich nur] bedingt
[gut], kommt echt drauf an, ob sich die Geschichten dafür eignen:
nämlich die Neugier des Lesers zu wecken und über einen längeren
Zeitraum zu halten. Das meiste, was ich bis jetzt gesehen habe, hat
mich qualitativ nicht überzeugt. Im Netz sollten vielleicht auch eher
Comics veröffentlicht werden, die ohnehin am Computer gemacht oder
endgefertigt sind, also im Medium bleiben…

Erzähl uns doch ein bisschen was über
das Comic Festival Graz, welches TONTO veranstaltet. Ich glaube bis
jetzt stieg das ganze zweimal, 2003 und 2004, jeweils mit
internationalen Gästen.

Lange Geschichte, vielleicht besser nachlesen auf der Festivalseite, da ist die Struktur des Festivals beschrieben. Daraus erklärt sich dann schon einiges.

Wird es auch 2005 ein Comic Festival Graz geben?

Das wissen wir noch nicht so genau. Das Problem ist: zuviel Arbeit für
zuwenig Leute um zuwenig Geld. Doch wahrscheinlich siegt der Idealismus
und wir machens doch… Es wird dann im September im Forum Stadtpark
steigen (Doch wir denken auch darüber nach, das Festival 2-jährig zu
veranstalten).

Ist das Festival von Fördergeldern abhängig? Wenn ja, wie schwer sind die zu bekommen?

Ja, abhängig. Grundsätzlich ist es gar nicht so nicht schwer, Geld
zu bekommen, vor allem weil wir mit dem ersten Festival sehr
erfolgreich waren. Nur die Summe, die man tatsächlich braucht,
[alleine] über Fördergelder aufzustellen, ist faktisch unmöglich. Bei
der Grössenordnung unseres Festivals bräuchten wir auch finanzkräftige
Sponsoren. Und einen Geldbeschaffungsprofi im Team, den wir einfach
noch nicht gefunden haben… Was Fördergelder anbelangt ist die
Steiermark und die Stadt Graz im übrigen ziemlich speziell… Letztes
Jahr haben wir Zu- und Absagen so spät bekommen, dass wir lange nicht
wussten, wie wir überhaupt planen sollen…

Wie „teuer“ war denn das letzte Comic Festival?

Realkosten um die 50.000,-; Fördergelder 26.000,-; der Rest
Eigeninvestition, viel Sponsoring von Freunden, Gratis-Arbeit etc. Das
geht aber auf die Dauer nicht…

Wieviele Besucher sind geschätzt gekommen?

Ca. 2000.

Was war denn zuerst da: TONTO der Verlag, oder TONTO der Organisator des Festivals?

Der Verlag/die Künstlergruppe. Die TONTO-Gruppe ist der Kern, um den sich alle Aktivitäten aufbauen…

Fühlst du dich als Zugehöriger zu einer Szene? Wenn ja, was wünschst du dir von dieser Szene?

Dass sie viel Lebenszeichen von sich gibt…

Wie sieht es mit euren internationalen
Kontakten aus? Habt ihr vor, auch ausländische Zeichner, beispielsweise
Leute wie Aleksandar Zograf, im TONTO Verlag zu veröffentlichen?

Zograf haben wir etwa im
Parabolica und wir versuchen schon internationale Leute mit
reinzubekommen, aber das hat keine Eile. Überhaupt haben wir keine
Eile. Ich glaube eher daran, dass die Sachen Zeit zum Wachsen haben
müssen, wenn sie Bestand haben sollen.

Wofür steht der Name „TONTO“ eigentlich? Von wo kommt „TONTO“? Hat „TONTO“ ein Geschlecht?

Helmut hat Anfang der 90er sein Tape-Label „TONTO“ genannt, der
Name ist später wieder aufgenommen worden als die CDR-Reihe begann.
TONTO ist ein Apachenstamm, ein Pferd von Lone Ranger, heisst auf
Spanisch „verrückt“ oder „doof“, und in Brasilien gibt es noch ein
Comic-Label das so heisst, haben wir vor kurzem rausgefunden.

Welche Tips würdest du jemandem geben,
der seinen/ihren eigenen Verlag gründen will? Was ist wichtig zu
beachten? Was hat euch geholfen? Welche Erfahrungen kann man sich
ersparen?

Sich Zeit lassen, sich überlegen, was man tatsächlich will, wohin man
will. Immer nur Szenen abzubilden, damit bekommst du keine Qualität.
Auf die Qualität schauen…

Vertrieb usw., da fragst du die Falsche…

Wenn du in der Früh (oder wann immer) aufstehst, was treibt dich voran, motiviert dich?

Tja, das ist die Frage. Vielleicht der Zwang sich in die Senkrechte
zu begeben, um einen Kaffee zu trinken. Katzen füttern, die mich
vorwurfsvoll anglotzen. Wenn ich in der früh Comics lesen würde, käme
ich wahrscheinlich nicht aus dem Bett.

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Edda Strobl-Foto copyright bei Edda Strobl

Alle Abbildungen copyright bei Tonto Comics und den jeweiligen ZeichnerInnen

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