Comic-Empfehlungen zur Sommerszeit

Wieder haben sich einige dringlich empfehlenswerte Comics angesammelt, die ich getrost jedermensch zur Sommerszeit-Lektüre anraten muss.

Without further ado:

Vernon Subutex
Autorin: Virginie Despentes; Adaption und Zeichnungen: Luz
Verlag: Reprodukt
Seitenanzahl: 304, In Farbe, 21 x 28 cm, Klappenbroschur
€ 40,10,-

Anwärter auf das punkigste Buch des Jahres: Ex-„Charlie Hebdo“-Chefredaktuer Luz adaptiert Virginie Despentes gefeierte Romantrilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ zu einer fulminant-furiosen Graphic Novel, die keine Wünsche offen lässt. Knallig, grell, griffig, derb und punkig in der grafischen Ästhetik erwacht Virginie Despentes schlaue und vielschichtige Gesellschaftskritik in diesem Sittenbild unser Zeit zu aufregendem Comicleben, in dem wir uns an die Fersen von Vernon Subutex heften: Ein Ex-Plattenhändler, dem das Internet sein Business verdampft hat, und der sich eines Tages ausser Standes sieht seine Miete zu bezahlen. Vernon taucht ab und es beginnt eine einzigartige Reise durch Paris, immer auf der Suche nach einer Unterkunft für die Nacht. Unterdessen interessieren sich immer mehr Leute für seinen Verbleib…

 

abfackeln
Autor: Nino Bulling; Verlag: Edition Moderne
Softcover, Schwarzweiss, Seitenanzahl: 160, 19 x 26 cm
€ 24,70,-

Wir folgen Ingken, einer Transperson, die – wie so viele von uns – auf der Suche nach sich selbst und einer eigenen wahren Identität ist. Derweil brennt der Planet und auch in Ingken tobt es. Die Geschichte einer versuchten Selbstfindung, die Nino Bulling in eine elektrisierende schwarzweisse Flächen-Musterwelt taucht, die sich irgendwo zwischen den Polen „gegenständlich“ und „semi-abstrakt“ in einer einizgartigen comicpoetischen Schwebe befindet. Ein Leseerlebnis – like no other.

 

 

 

Thomas Bernhards Salzburg
Autor: Thomas Bernhard; Zeichner: Nicolas Mahler. Residenz Verlag
Gebunden, In Farbe, Seitenanzahl: 96, 11 x 17 cm
€ 15,00,-

Eine Hasserklärung an Salzburg in Zitaten von Thomas Bernhard, liebevoll zusammengetragen, montiert und arrangiert und zeichnerisch in superbe Szene gesetzt von King of Austrocomix Nicolas Mahler. Nachdem Thomas Bernhard seiner Herkunftsstadt hier literarisch den Bauch aufgeschlitzt und die Salzburger Geistesinnereien munter über den katholisch-nationalsozialistischen Todesboden hat purzeln lassen (manchmal lässt sich ein kleines Fünkchen Sympathie nicht ganz unterdrücken), kann man der Stadt eigentlich wieder ganz entspannt begegegnen – am besten gleich mit diesem kongenial-literarischen  Reiseführer, der sorgar mit einem Stadtplan (!) aufwartet. Salzburg, kurz und knapp? Look no further!

 

 

SPA
Autor: Erik Svetoft. Verlag: Luftschacht
Softcover, Schwarzweiss-Rot, Seitenanzahl: 328, 17 x 24 cm
€ 28,00,-

Der schwedische Bilderzähler Erik Svetoft liefert mit SPA eine extra-weirde Portion Thermen-Horror in Schwarzweiss-Rot ab, mit welcher er ab der ersten Seite nachhaltig verstört: Wir folgen den Irrungen und Wirrungen diverser Protagonist*innen in einer scheinbar perfekt durchmechanisierten und komplett entmenschlichten modernen Wellness-Hotelanlage, welche sich schon bald als eine Art labyrinthisches Höllentor offenbart. Svetoft erzählt auf gekonnt unterkühlte Weise primär über seine Bildsprache – jeder Strich und jeder Punkt innerhalb seiner Panels ist perfekt gesetzt – und er ist ein Meister darin, üble Überraschungseffekte in seinen Seitenkompositionen zu platzieren. Gekoppelt mit der permanenten Affektlosigkeit seines Figurenpersonals findet man sich in einem gnadenlos unverwandten Szenario wieder, welches in ebenso origineller wie auch vollkommen entspannter Weise Horror upon Horror upon Horror häuft, bis man diesen kaum noch ignorieren kann. Fazit: Thermenurlaub-Dekonstruktions-Literatur war selten bizarrer.

 

Spirou oder: die Hoffnung Band 4
Autor: Émile Bravo; Carlsen Verlag
Softcover, In Farbe, Seitenanzahl: 48, 22 x 30 cm
€ 12,40,-

Èmile Bravo hat seine fulminantes Geschichtscomic-Epos „Spirou oder: die Hoffnung“ mit diesem vierten Band nun abgeschlossen, welches die beiden klassischen Kindercomic-Figuren Spirou und Fantasio in das historisch seriös erzählte Belgien während der Nazi-Besatzungszeit versetzt. Ein Projekt, das einmal mehr die comicerzählerische Meisterschaft Émile Bravos untermauert – jeder Panel ist hier großes Kino – als auch die Langlebigkeit und Vielseitigkeit dieser beiden klassischen frankobelgischen Charaktere. „Spirou oder: die Hoffnung“ berührt, regt an, bezaubert durch seine erzählerische Vision und wird wohl seinen Platz unter den großen Klassikern der Jugendliteratur einnehmen, die es schaffen die Nazi-Zeit mit ihren spezifischen Schrecken, die möglichen Formen des Widerstands gegen den Terror und den Horror des Rassenwahns für kommende Generationen eindringlich und lebensnah zu vermitteln. Chapeau!

 

Trip mit Tropf
Autorin: Josephine Mark, KIBITZ VERLAG
Gebunden, In Farbe, Seitenanzahl: 192, 17 x 23 cm
€ 20,60,-

Kaum erschienen und bereits am Internationalen Comicsalon in Erlangen zum „Kindercomic des Jahres“ gekürt: Not bad – und vollkommen verdient. Ein krebskrankes Kaninchen mit intravenöser Tropf-Chemotherapie immer dabei bewahrt unbeabsichtigt einen großen bösen Wolf vor den tödlichen Schüssen eines Jägers. Der draufgängerische und leicht jähzornige Wolf fühlt sich augrund des heiligen „Wolfskodex“ seinerseits nun verpflichtet für das Wohlergehen des ihn ansonsten eigentlich eher kulinarisch anlachenden Kaninchens zu sorgen. Schnell noch den fahrbaren Untersatz des Försters gekapert und ab geht die Post! Wie Josephine Mark ihr ungleiches Buddy-Gespann auf einen Roadtrip ohne gleichen schickt, unterhält auf wundervollste Weise, berührt uns, nimmt das Thema Krankeit ernst ohne es herunterzuspielen oder lächerlich zu machen und ist doch eines der feinsten Comedy-Highlights des deutschen Sprachraums. Für Achtjährige jeden Alters empfohlen als narrative Immuntherapie gegen Existenzkrisen jedweder Art.

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