Comic-Empfehlung: FRÄULEIN ELSE von Manuele Fior

{mosimage} 

Elses Vater
hat eine hohe Geldsumme veruntreut und um einer Strafe zu entgehen,
muss er 30.000 Gulden Strafe bezahlen, die er nicht besitzt. Sollte der Vater das
Geld nicht rechtzeitig auftreiben, so muss er ins Gefängnis. Die Mutter schreibt
weiter, dass es noch eine letzte Möglichkeit für die Familie gäbe, um dieser
nahezu ausweglosen Situation zu entkommen: Else soll sich an den reichen
Kunsthändler Dorsday wenden, der im selben Hotel wohnt, und sich von ihm ein
Darlehen erbeten.

Das Schicksal
der Familie wird in die Hände von Else gelegt. Die Vorstellung den alten Mann
Dorsday um Geld für ihre Familie zu bitten ist Else mehr als unangenehm und der
auf ihr lastende Druck verschärft die Situation für sie. Doch schlussendlich rafft
sie sich auf und spricht Dorsday an. Dieser macht aus seiner schmierigen
Verehrung für Else keinen Hehl und will die Situation für sich ausnutzen: Er
verlangt für das Darlehen, dass er Else nackt sehen darf. Die junge
zerbrechliche Frau lehnt das Angebot brüsk ab, um nur kurz darauf im Garten des
Hotels im Angesicht ihres Dilemmas zusammenzubrechen.

Von hier an
beginnt das tragische Psychogramm Arthur Schnitzlers, dass Manuele Fior betörend
umsetzt. Elses bedrängtes Innenleben und ihre im Laufe der Erzählung zunehmend alptraumhafter
werdende Vorstellungen evoziert der Zeichner mit seinen Strichen und Aquarelltönen
auf ebenso subtile wie eindringliche Weise. In einem packenden Erzählgeflecht
aus Malereien umkreist Fior seine Protagonistin unablässig und nützt die expressiven
Möglichkeiten der perspektivischen Darstellung zu maximalem erzählerischen
Effekt. Bereits nach wenigen Seiten hat Fior gekonnt eine Atmosphäre
geschaffen, die den Lesenden tief in die Zeit um die Jahrhundertwende sinken
lässt, und die auch die Verlogenheit des Bürgertums, von der Schnitzler erzählt,
offensichtlich macht und überführt. Ästhetisch referenziert er dabei nicht nur die
Malereien des Wiener Jugendstils, sondern Fior schafft es vor allem, diese künstlerischen
Anspielungen authentisch in seiner eigenen Stilistik aufgehen zu lassen und
kreiert dabei eine grafische Neufindung des Secessionsstils.

Diese
Comicversion wurde von der Kritik für ihre erzählerische Eigenständigkeit
hochgelobt. Nach seinem letzten Meisterwerk „Die d’Orsay-Variationen“, einer hochpoetischen
Comic-Meditation über die großen Impressionisten Ingres, Degas, Rousseau und
das Pariser Musée d´Orsay, bietet sich mit „Fräulein Else“ nun die Möglichkeit
eines der Schlüsselwerke Manuele Fiors wieder zu entdecken.

"Fräulein Else: Nach Arthur Schnitzler. Erweiterte Neuauflage" von Manuele Fior, avant-verlag
96 Seiten,  In Farbe, Hardcover
ISBN: 9783945034439
Preis: 25,70 EUR 

 

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Wir freuen uns über Ihren Beitrag!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.